SwissAgeCare-2010

Ein interdisziplinäres Projekt zur Situation der Pflegenden von Senioren in der Schweiz (finanziert durch Spitex Verband Schweiz)

Gesamtprojektleitung: Prof. Pasqualina Perrig-Chiello, Universität Bern

in Zusammenarbeit mit 
Prof. François Höpflinger, Institut für Soziologie, Universität Zürich und Dr. Brigitte Schnegg, Interdisziplinäres Zentrum für Geschlechterforschung, Universität Bern

Ziel des Projektes ist, die psychosoziale Situation der pflegenden Angehörigen von Senioren in der Schweiz aus demographisch-epidemiologischer, soziologischer und psychologischer Perspektive erforschen, wobei der Geschlechter- und der Lebenszeitperspektive eine Querschnittsfunktion zukommen soll.

Themenschwerpunkte:

  1. Pflegebedürftigkeit und informell Pflegende in der Schweiz: Art und Umfang der erbrachten Hilfe;
  2. Pflegende Angehörige von Senioren in der Schweiz: Wahrgenommene Erwartungen seitens der Eltern, Familie, Gesellschaft; Wahrgenommene Solidarität in der Familie, Gesellschaft; Motivation und Hilfsbereitschaft: psychologische Gründe (Bindungsstil, Schuldgefühle, Pietät, etc.); familiale Gründe (getroffene Arrangements, finanzielle Gründe,...); Probleme und Ressourcen; Passung zwischen Möglichkeiten und Bedürfnissen
  3. Schnittstellen zwischen den selbständigen Leistungen der Pflegebedürftigen, den Betreuungsleistungen der Angehörigen, Freunde und Nachbarn und der Pflegeleistungen der Spitex
  4. Zukünftige Entwicklung/Szenarien der informellen Pflege

Für den Themenschwerpunkt 1 wurden einerseits demographisch-epidemiologische Daten zur Zahl von älteren Pflegebedürftigen (zuhause lebend, stationär) aktualisiert, und mit Szenarien zur Entwicklung der Altersbevölkerung in Verbindung gebracht. Andererseits wurden familiendemographische Daten (Haushaltsstruktur im Alter, Anteil mit oder ohne Angehörige) mit Informationen zu hilfe- und pflegeleistenden Personen (Wer pflegt?) verbunden. Die Grundlage sind demographische Daten sowie Daten aus Mikrozensen (Gesundheitsbefragung, SAKE, ua.). Die Analysen erfolgten durch Prof. Höpflinger.

Für den Themenschwerpunkt 2 erfolgte die Befragung einer für die Deutschschweiz repräsentativen Stichprobe von pflegenden Bezugspersonen von älteren Menschen und von ebenfalls in deren Pflege eingebundenen Spitexmitarbeitenden. Insgesamt liegen die Daten von über 390 Spitexmitarbeitenden und 325 pflegenden Bezugspersonen vor. Der verwendeten Erhebungsinstrumente erlauben eine Inbezugsetzung der Schweizer Daten in einem internationalen Kontext. Themenschwerpunkt 2 wird vom Team von Prof. Perrig-Chiello analysiert.

Für den Themenschwerpunkt 3 wurde ein qualitatives Vorgehen gewählt. Basierend auf thematisch-episodischen Interviews und dem Shadowing, einer Methode, bei der die Forschenden Arbeitsabläufe sowie den Pflege/Betreuungsalltag teilnehmend beobachten, werden neben Bedürfnissen und Erwartungen pflegender Angehöriger insbesondere die eigentlichen Pflegeprozesse und –leistungen analysiert. Dieser Themenschwerpunkt wird durch das Team von Dr. Schnegg bearbeitet.

Basierend auf den Ergebnissen der Analysen, sowie unter Verwendung extrapolierender Methoden sollen folgende Fragen beantwortet werden (Themenschwerpunkt 4): 

  • Wie entwickelt sich die informelle Pflege, unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen (neue Lebensformen, neue Erwerbsformen, höherer Anteil an älteren Wohneigentümern, verstärkte wirtschaftliche Ungleichheiten im Alter, aber mehr Internetinformationen und selbstorganisierte Diagnosen durch Angehörige in einer Informationsgesellschaft)?
  • Welches sind zentrale Bedingungen, damit der heutige Stand an informeller Pflege aufrecht erhalten werden kann, und welche Bedeutung werden Formen von familial-professioneller Co-Pflege in Zukunft einnehmen? Inwiefern hat die Spitex dabei vermehrt Moderatoren- und Mediatoren-Funktionen zu übernehmen? 
  • Wer übernimmt informelle Pflegeleistungen, wenn vermehrt Frauen und Männer ins Alter kommen, die keine oder nicht in der Schweiz lebende Angehörige haben? Kann das familiale Netz durch ausserfamiliale soziale Beziehungen kompensiert werden? Wo ergeben sich Möglichkeiten, aber Grenzen der Hilfe und Pflege durch freiwillige HelferInnen?
  • Welche Verbesserungen in den Rahmenbedingungen könnten die informelle Pflege stützen? Welches ist das Verhältnis von informeller und professioneller Pflege in einer modernen Gesellschaft? (Verdrängung, Ergänzung oder Spezialisierung). Welchen Stellenwert wird die Spitex für die Bewältigung des fragilen Lebensalters zu Hause einnehmen (müssen)?